Bedürfnisorientiertes Erziehen - anders als manche es sich vorstellen!

Gibt es in der Erziehung ein Richtig oder ein Falsch? So oft stehe ich da und frage mich: Macht das alles überhaupt einen Sinn was ich hier mache? Immerhin schaue ich mich auch um und bekomme zwangsläufig mit, wie andere Eltern das Thema Kinder großziehen angehen. Schnell habe ich mitbekommen, dass sich jeder nach unterschiedlichen Methoden und Wissen richtet. Dazu kommt, dass ich mich mit vielen nicht identifizieren kann und mein Herz für andere Herangehensweisen umso höher schlägt. Ich frage mich tatsächlich oft: Was hätte ich als Kind wirklich gebraucht? Dieses Gefühl, nicht mit allen Eltern im gleichen Boot zu sein, aber irgendwie schon kann sehr einsam und auch verwirrend zugleich sein, denn letztendlich wollen wir alle das Beste für unser Kind.

Die Bedürfnisse aller Familienmitglieder

Die Orientierung an die Bedürfnisse von Kindern ist eine herausfordernde und anspruchsvolle Aufgabe – keine Frage. Erziehung ist alles andere als einfach und muss keine Einbahnstraße sein, in der Eltern alles vorgeben und allein entscheiden. Erziehung und Familie kann ein Miteinander sein, bei dem die Bedürfnisse aller Mitglieder ernst genommen und gesehen werden, ebenso wie ihre Gefühle. Also nicht nur die des (Klein-)Kindes sondern auch die der Eltern. Viele denken bei dem Begriff bedürfnisorientierter Erziehung: Hier geht es nur um das Kind - dabei geht es sowohl um die Bedürfnisse des Kindes als auch um die des Elternteils!

Wenn das Energiebündel also nicht ins Bett möchten und die Welt untergeht, weil das Spielen nun ein Ende hat, du als Elternteil komplett fertig mit dem Leben bist, dann ist es erstmal so. Keiner muss sich aufopfern, aber das Füreinander da sein, kann trotz allen eine Lösung bieten, in der sich alle gehört und gesehen fühlen.

Das Modell der Bedürfnisorientierung

Bei der bedürfnisorientierten Erziehung geht es in erster Linie darum, dass Kinder und ihre Bedürfnisse konsequent von ihren Eltern ernst genommen werden. Grundsätzlich quengeln Babys somit nicht, um zu ärgern, sondern weil sie ihre Grundbedürfnisse ausdrücken möchten. Das Modell der Bedürfnisorientierung ist somit von Liebe, Nähe und sicherer Bindung geprägt und wird auch bindungsorientierte Erziehung genannt. Entsprechend der Bindungstheorie wird die sichere Bindung, insbesondere durch die Feinfühligkeit und Bereitschaft der Eltern auf Interaktionsversuche des Kindes einzugehen, entwickelt. Die daraus gewonnene sichere Bindung ist nämlich die Grundlage für ein starkes, selbstbewusstes und selbstständiges Kind. Das bedeutet nicht, dass ich nur noch für mein Baby existiere, aber grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass mein Baby mir etwas mitteilen möchte, wenn es weint. Demnach bin ich auch bereit, emphatisch auf die Versuche meines Babys mit mir zu kommunizieren, einzugehen. Denn die elterliche Zuneigung sollte keine Belohnung oder Bestrafung sein, sondern eine Konstante im Leben jedes Kindes.

Frustration bei der Bedürfnisorientierung

Der ganze Prozess kann sehr frustrierend sein, da wir als Erwachsene ganz anders funktionieren und uns in vielen Dingen nicht so gut in das Denken der kleinen hineinversetzen können. Andersherum klappt das übrigens noch weniger! Kleinkinder sind nun mal ihren Bedürfnissen weitgehend ausgeliefert und können diese noch nicht wirklich regulieren. Diesen Prozess können wir als Eltern begleiten, indem wir ihnen mit Geduld förderliche Strategien beibringen. Dazu gehört für das Kind zu verstehen was gerade in ihnen in dieser Situation vor sich geht und welche Möglichkeiten es gibt, mit dieser Emotion umzugehen. Die Gelassenheit zu bewahren ist und bleibt wie immer Gold wert! Klappt nicht immer, aber wenn, dann hilft sie uns allen enorm. Wenn mein Kind also ins Bett muss, aber sich nicht umziehen möchte, an Zähne putzen überhaupt nicht zu denken ist und sie einfach nur in Tränen ausbricht, erkläre ich ihr, dass ich verstehen kann, dass sie gerade traurig ist, weil sie gerade erst ihre Autos zum Spielen rausgeholt hat. Dann warte ich den Gefühlssturm ab, denn im Moment der Rage sind Kinder nicht aufnahmefähig. Ich akzeptiere einfach nur die Gefühle und bin da. Ich füge oft noch hinzu, dass die Autos auf sie warten werden und auch morgen früh zum Spielen bereit sind. Das tue ich nicht in der Erwartung, dass sie direkt aufhört zu weinen und glücklich ins Bett spaziert, sondern um ihre Emotion zu begleiten und ihr die Perspektive zu geben, dass das unterbrochene Spiel zu einem anderen Zeitpunkt ohne Probleme fortgeführt werden kann. 

Es müssen keinesfalls alle Wünsche erfüllt werden, denn ein gewisses Maß an Frustration und Anstrengung gehört zur Entwicklung der Selbstregulationsfähigkeit jedes Kindes dazu und eröffnet dazu die Möglichkeit, das eigene gesamte Gefühlsspektrum kennen zu lernen. 

Bedürfnisorientierung bedeutet für mich demnach viel mehr eine Haltung dem Kind gegenüber zu haben es offen und wertschätzend kennenlernen zu wollen, als dagegen anzukämpfen. Wie in vielen Dingen, ist es auch in der Erziehung für alle Familienmitglieder angenehmer zusammen an einem Strang zu ziehen, als ein Tauziehen zu veranstalten. 

Quellen:
Knauf, H. (2019). Die intensive Elternschaft als neues Paradigma für die Erziehung in Familien?. Soziale Passagen, 11(1), 175-190.