Geschwisterrivalität, was tun?

Geschwisterrivalität ist oft mit negativen Gefühlen wie Aggression, Eifersucht und Ablehnung verbunden. Hier wird der Geduldsfaden von Eltern enorm herausgefordert. Deswegen schreiben uns viele: Meine Kinder bekriegen sich, was kann ich tun? Schauen wir uns doch erstmal an, woher dieses Verhalten kommen könnte, wenn Geschwister sich bekriegen. In der Regel ist es für das ältere Kind eine riesige Veränderung, wenn ein Geschwisterkind auf die Welt kommt. Immerhin wird von außen bestimmt: Ab morgen ist jemand Neues bei uns, alles so wie es war, wird es so nicht mehr geben! Und dann fängt es eventuell auch schon an, dass dein Kind leise sein soll, weil das Baby schläft oder du gerade nicht spielen kannst, weil du das Baby füttern musst. Schnell denkt dein Kind dann, dass dieser neue Zuwachs nicht nur eine unglaubliche Veränderung ist, bei der jegliche Routine und Gewohnheit erstmal ins Wanken gerät, sondern auch noch zu dessen Nachteil existiert. Wenn das Kind dafür bestraft wird, weil es deswegen Schwierigkeiten hat, verinnerlicht es eher, dass wegen des Geschwisterkindes die eigenen Eltern ihn oder sie nicht mehr lieb haben. Und am Ende wollen alle Kinder nur eins: die Liebe und Anerkennung ihrer Eltern.

Wie können wir präventiv bei Streitigkeiten unter Kindern vorgehen?

Der Nährboden für Geschwisterrivalität sind Vergleiche, die das eine Kind auf das andere beziehen. Sie motivieren, dass das eine Kind mit dem anderen in Konkurrenz tritt. Das Gute ist, dass es nicht unbedingt passieren muss. Wie können Eltern damit umgehen?

Lege den richtigen Fokus

Schlagen tut weh und wir tun niemandem weh! Das sollte möglichst in einem ruhigen, aber starken Ton ausgesprochen werden. Am besten auch nochmal, wenn die Situation vorbei ist. 

Kinder lernen am besten ihr Verhalten anzupassen, wenn sie

1. in ihren Emotionen und Bedürfnissen gesehen werden
2. klare Grenzen und Konsequenzen aufgezeigt bekommen
3. alternative Strategien oder Methoden aufgezeigt werden

Anstatt sich darauf zu fokussieren: Warum kannst du deine Schwester nicht mal in Ruhe lassen? Du bist ein böses Kind. Jetzt reicht es mir, du spielst jetzt gar nicht mehr.
Probiere es mal mit: Ich sehe, dass du sauer bist, weil du das Spielzeug auch gerade haben möchtest. Aber Hauen tut uns weh und alle sollen sich hier sicher fühlen. Lass mich dir helfen, das umzusetzen/Komm, ich zeig dir, was wir stattdessen machen können!

Es kann auch eine feste Regel in die Familienstruktur etabliert werden, dass sobald jemand laut „Stop!" sagt, wir sofort aufhören und wissen, dass die andere Person das gerade nicht möchte! So lernen Kinder früh eigene Grenzen zu sehen und auszusprechen und auch die von anderen zu respektieren und entsprechend zu reagieren. 

Dein Kind wird dir eher entgegen kommen, wenn es sich verstanden fühlt

Die wichtigste Voraussetzung dafür, dass dein Kind mit dir kooperieren möchte, ist, dass es sich von dir verstanden fühlt und eine sichere Bindung zu dir verspürt. Das kannst du zum Beispiel aufbauen, indem du auf Augenhöhe gehst (= Ich kann total nachvollziehen, dass es nicht immer einfach ist, ein jüngeres Geschwisterkind zu haben. Ich verstehe, dass du gerne mit mir spielen wolltest und es dich sehr traurig gemacht hat, dass ich in dem Moment nicht konnte, aber wollen wir jetzt gemeinsam etwas spielen? Worauf hast du Lust?). Solche Gespräche können auch im Nachhinein wiederholt werden. Ich verstehe auch, dass es bei mehreren Kindern nicht immer so klappt, in der Situation so zu reagieren. Hierbei möchte ich nur betonen, dass jede noch so kleinste Verbalisierung auf Augenhöhe hilfreich ist und vom Kind registriert wird, ja auch wenn es den Willen in dem Moment nicht durchgesetzt bekommt und trotzdem traurig darüber ist. Warum es völlig okay ist traurig zu sein und wie wir diese Emotion besser verstehen und begleiten können, kannst du gerne hier nachlesen. 

Den Scheinwerfer der Aufmerksamkeit nutzen

Oft neigen Eltern dazu, Wünsche, die abgeschlagen werden müssen, mit dem neuen Zuwachs in Verbindung zu setzen (=wegen des Babys geht es gerade nicht). Das mag in dem Moment stimmen, aber wir können den Scheinwerfer der Aufmerksamkeit des Kindes nutzen und lenken. Rivalität und Konkurrenz können also in den Hintergrund rücken, indem wir den Scheinwerfer weg vom Baby und hin zu den Bedürfnissen des Kindes verlagern (= Ich sehe, dass du gerne Zeit mit mir verbringen möchtest. Ich verbringe auch total gerne Zeit mit dir! Wir können nach dem Mittagessen gemeinsam im Garten spielen, ich freue mich schon drauf). Natürlich sieht dein Kind dabei, dass du gerade das Baby versorgst, aber viel wichtiger ist, dass dein Kind erkennt, dass es genauso gesehen wird. Es darf zwar traurig oder wütend über deine Entscheidung sein, aber viel wichtiger ist, dass registriert wird „Ich bin auch wichtig und wertvoll!”, sodass der Nährboden für Aggressivität eingedämmt wird. 

Vorsorgen

Wenn es möglich ist, kannst du dein Kind beobachten, in welchen Situationen es häufig mit aggressivem Verhalten reagiert und schauen, wie sich diese im Vorhinein vermeiden lassen. Konkurrenzkämpfe lassen sich eventuell unterbinden, indem es beliebte Spielzeuge mehrfach gibt, wenn es möglich ist. Wir neigen gerne zu Vergleichen, weil wir eine leistungsorientierte Gesellschaft sind (= der Jüngere ist der Kreative, die Ältere konnte schon echt früh laufen etc.). Schöner für Kinder ist es zu hören, welche individuellen Fortschritte sie gemacht haben oder welche Fähigkeiten sich besonders herauskristallisieren, ganz ohne den Vergleich zu anderen. Lest euch hier gerne unseren Beitrag zum aufrichtigen Loben durch!

Gerne kannst du dir auch diese Fragen stellen, wenn du ratlos bist oder es dir schwer fällt dein Kind auf Augenhöhe zu begegnen:

1. In welchen Situationen zeigt dein Kind unangemessenes Verhalten? 

2. Welches Bedürfnis steckt wirklich dahinter?

3. Was kannst du tun, um deinem Kind zu helfen, weniger unangemessene Verhaltensweisen an den Tag zu legen?

Es ist völlig okay, auch mal nicht zu wissen was los ist. Erziehung bedeutet begleiten & kennenlernen!

Mein Kind ist deutlich aggressiver, seitdem das Geschwisterkind da ist

Auch hier gilt, die Wut kann nur nachlassen, wenn wir wirklich verstanden haben, woher sie kommt. Deshalb sollte Wut ebenfalls begleitet werden. Wie das geht, findest du hier. Wenn dein Kind ein ganz klar feindseliges Verhalten zeigt, seitdem das Geschwisterkind da ist, lohnt es sich, hier nochmal genauer nachzuforschen. Hier kann helfen:

- mindestens 1x am Tag Quality Time mit dem Kind und signalisieren: Ich möchte auch mit dir spielen! (auch wenn es nur 10-15 Minuten sind)
- Ablehnungen nicht auf das Geschwisterkind beziehen und die Perspektive geben, dass nur weil du aktuell nicht kannst, die Spielzeit nicht verloren ist (Statt: Ich kann grad nicht, siehst du nicht, dass ich mich um das Baby kümmern muss? Lieber: Ich mache das noch 5 Minuten zu Ende, danach können wir gemeinsam spielen, ich freue mich schon drauf!)
- das Selbstbewusstsein stärken (Worauf hast du Lust? Du darfst entscheiden, womit wir heute spielen!) 
- Verantwortung übernehmen (statt zu denken: Jetzt soll mein Kind mal schauen, wie es wieder die Kurve kriegt, probiere es mal mit: Mein Kind braucht gerade von mir das Gefühl, wichtig zu sein und geliebt zu werden, was kann ich tun, um das mehr in unseren Alltag zu integrieren?)

Neben all den herausfordernden Situationen im Alltag sind Geschwisterbeziehungen aber auch von Liebe und Vertrauen zueinander geprägt. Ein gewisses Maß an Rivalität ist natürlich auch normal und findet sich in den meisten Geschwisterbeziehungen. Sie sollte allerdings nicht krampfhaft vermieden werden, sondern stattdessen der Umgang und die Vorbeugung geübt werden. Denn Kinder, die lernen, mit Konflikten innerhalb der Familie umzugehen, können das zukünftig auch viel besser in ihren eigenen Beziehungen!

Quellen:
Brody, G. H. (1998). Sibling relationship quality: Its causes and consequences. Annual review of psychology, 49, 1.
Cierpka, M. (2001). Geschwisterbeziehungen aus familientherapeutischer Perspektive-Unterstützung, Bindung, Rivalität und Neid.
Juul, J. (2013). Aggression: warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist. S. Fischer Verlag.