Mein Kind tut anderen weh, was steckt dahinter?

Mein Kind tut mir oder/und anderen weh, was kann ich tun? Diese Frage bringt viele Eltern zur Verzweiflung. Kinder experimentieren manchmal damit, was passiert, wenn sie anderen weh tun. Dabei denken sie selten, dass sie eine andere Person gerade wirklich verletzen wollen, sondern sie fragen sich, was genau passiert, wenn sie jetzt schlagen, beißen, kratzen, kneifen, schubsen oder an den Haaren ziehen. Es könnte ja zum Ziel führen, oder? Dahinter steckt keine Boshaftigkeit, sondern ein Lernprozess! Empathievermögen und auch Perspektivenübernahme reifen nämlich erst ungefähr ab dem 4. Lebensalter aus. Dementsprechend fällt es Kleinkindern sehr schwer zu verstehen, dass andere Menschen andere Gefühle und Bedürfnisse haben. Sie wissen also einfach noch nicht wirklich, dass ihr Verhalten eine Wirkung auf andere hat.

Oft haben sie es im Kindergarten bei anderen Kindern abgeschaut, auf dem Spielplatz beobachtet oder in Medien gesehen. Diese Verhaltensweisen stellen allerdings eine Gefahr der Verletzung und Sicherheit dar, weshalb solche Handlungen für uns Erwachsene absolut inakzeptabel und nicht erlaubt sind. 

Was hinter dem Verhalten stecken kann

Wenn aggressives oder verletzendes Verhalten zum Ziel führt, nämlich dass das Kind das bekommt, was es ursprünglich wollte, verinnerlicht es, dass das die beste Methode ist. Das problematische Verhalten wird somit als funktionierende Strategie gespeichert. 

Achtung: Harte Bestrafungen können die Aggression befeuern. Aggression kann nämlich ein Resultat unangemessener Emotionsregulation sein. Erfährt dein Kind nicht, wie es angemessen mit Wut oder anderen großen Gefühlsstürmen umgehen kann, steigt das Stresslevel jedes Mal enorm und es verliert schneller die Kontrolle über sich. Während das in den ersten Jahren total normal sein kann, sollte trotzdem verletzendes Verhalten niemals geduldet werden. Manche Kinder haben auch ein hitziges Temperament und brauchen dementsprechend eine intensivere Begleitung ihrer Gefühle. Aber auch ein schwaches Selbstbewusstsein (das Gefühl, wenig wirksam oder wertvoll zu sein) ist ein Nährboden für Aggressionen. Bei tief sitzender Trauer, Wut oder dem Gefühl der Ungerechtigkeit kann aggressives Verhalten ein Schrei nach Aufmerksamkeit, Hilfe und letztendlich Liebe und Geborgenheit sein. 

Deshalb ist die Arbeit mit Scham (= Wie kannst du nur dein Geschwisterkind hauen, du bist ein ganz schlimmes Kind) definitiv kontraproduktiv in Bezug auf unkontrollierbare Gefühlsstürme, da sie die Beziehung des Kindes zu dir, zu dessen Geschwistern oder anderen Kindern verschlechtert. Eine sichere Bindung ist die Voraussetzung dafür, dass dein Kind lernt, angemessen mit Emotionen umzugehen!

Wie erkläre ich am besten, dass wir anderen nicht wehtun?

Eltern tragen die Verantwortung dafür, ihren Kindern zu helfen, gefährliche Verhaltensweisen in alternative förderliche Strategien umzuwandeln. Dabei sollten wir möglichst ruhig und selbstbewusst reden. Große Reaktionen, die viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, können Verhalten nämlich verstärken (= ah, wenn ich wild um mich schlage, ist Mama oder Papa besonders aufmerksam). Dein Kind sollte also niemals durch Aggression das Gefühl bekommen, erst dann richtig gesehen zu werden, sondern genug andere Situationen dafür finden. Wie bringen wir also unseren Kindern am besten bei, dass Hauen nicht geduldet wird, wenn sie selbst die Auswirkungen noch nicht verstehen? Das kann so aussehen:

1. Die Regel einführen: Hauen tut weh und wir tun niemandem weh.

Das Ganze sollte immer und immer wiederholt werden. Ausnahmslos in jeder Situation. Am besten auch nach dem Ereignis, wenn dein Kind wieder runter gekommen ist. Rede mit deinem Kind intensiv darüber, was es bedeutet, anderen wehzutun, was es stattdessen in dem Moment machen kann und dass so ein Verhalten von dir nicht geduldet wird! Versuche dabei immer in einem ruhigen, aber starken Ton zu sprechen. Falls es in dem Moment nicht gelingt, weil die Situation auch bei dir total viele Gefühle auslöst, probiere es im Nachhinein am besten nochmal. Wenn dir etwas wirklich weh tut, darfst du ruhig deine wahren Emotionen zeigen. Auch Eltern werden mal wütend, es ist nicht schädlich für dein Kind, solche Gefühle zu sehen. Schädlich ist es nur, wenn wir aus unserer Emotion heraus abwertend, herablassend oder respektlos mit unseren Kindern reden und uns im Nachhinein nicht für das eigene Verhalten entschuldigen.

2. Emotionen begleiten

Versuche, mit deinem Kind die Situation zu verlassen und in einen Raum zu bringen, wo es runter kommen kann, falls viel los ist. Bei einem Wutausbruch verliert dein Kind die Kontrolle über den eigenen Körper und die Gefühlswelt. Hier braucht es unbedingt deine Unterstützung, diese große Emotion regulieren zu lernen. Es fühlt sich unglaublich allein und hilflos, weshalb es hier ganz wichtig ist, dass es weiß, dass du da bist (= es ist okay, dass du wütend warst, aber es ist nicht okay, wie du dich verhalten hast, aber ich bin für dich da und bereit, dir zu helfen). Wie du Wutausbrüche begleiten kannst, findest du hier. Sei ein Vorbild und zeige, wie Emotionen verbal statt körperlich ausgedrückt werden können (=Ich sehe, dass dich das gerade wirklich wütend gemacht hat). 

3. Schlage deinem Kind alternative Methoden vor

Falls dein Kind noch nicht aussprechen kann, was es mit dem Verhalten bewirken wollte oder warum es zu der Methode gegriffen hat, ist es hier sinnvoll, wenn du es vorher beobachtet hast und weißt, was es mit dem Verhalten erreichen wollte und den Zusammenhang laut aussprechen kannst (=Weil du unbedingt noch weiter spielen wolltest, bist du gerade echt wütend geworden). Dann könnt ihr gemeinsam schauen, welche alternativen Strategien es gibt. Falls dein Kind dafür noch zu jung ist, ist es hier ganz wichtig, das Gespräch trotzdem zu führen und hier aber eigene Ideen und Perspektiven einzubringen und mit dem Kind zu üben. Seid einfach das Sprachrohr für euer Kind, auch wenn es sich wie ein Selbstgespräch anfühlt. Hierbei ist es ganz wichtig in Kommunikation zu gehen, auch wenn es dir so vorkommt, dass es das noch nicht versteht. Wiederholung und Durchhaltevermögen können hierbei den Prozess unterstützen, dass dein Kind diese wertvollen Strategien lernen kann!

4. Ich bin für dich da

Ein effektiver Weg für die Zukunft, um mit Wut umgehen zu können, ist diese zu verbalisieren. Ermutige dein Kind immer und immer wieder, dass du da bist. Wenn dein Kind verinnerlicht, dass negative Gefühle erlaubt sind und es mit diesen auch zu dir kommen darf, kann es allmählich lernen, diese auf gesundem Wege rauszulassen. Aggressives Verhalten ist ein unreifer Weg, die eigenen Bedürfnisse zu stillen oder große Gefühle zu verarbeiten. Während es klar ist, dass Kleinkinder die Fähigkeit noch nicht besitzen, angemessen ihre Emotionen und Bedürfnisse zu regulieren und hier aggressives Verhalten auch zum Teil erwartet wird beim Lernprozess, können Eltern trotzdem von Anfang an diesen unterstützen, indem sie die großen Gefühle ihrer Kinder begleiten. Werden negative Gefühle hingegen nur oder weiter unterdrückt, steigt das Stresslevel immer schneller und auch immer mehr an. 

5. Konsequenzen sollten zeitnah passieren und logisch sein

Konsequenzen auf Verhaltensweisen sind wichtig, um zu lernen. Jedoch sollten sie zeitnah passieren und logisch sein. Zeitnah bedeutet, dass die Konsequenz direkt erfolgen muss und nicht Stunden später, damit das kindliche Gehirn die Verbindung verstehen kann. Logisch heißt, dass die Konsequenz auch etwas mit dem Verhalten zu tun haben sollte. Was hat Nachtisch mit Hauen zu tun? Ganz genau, nichts.
Statt: Weil du mich gerade mit dem Auto gehauen hast, gibt es heute Abend keinen Nachtisch! 
Probiere lieber: Ich sehe, dass du wütend bist. Ich werde dir jetzt das Auto aus der Hand nehmen, denn das Hauen tut mir weh. Wir können es später nochmal mit Autofahren spielen, probieren!

Übrigens wird im Kleinkindalter im Allgemeinen ein gewisses Maß an aggressivem Verhalten erwartet, da sie Frustration noch mit körperlichen Mitteln ausdrücken, da ihnen die Kompetenzen zum Verbalisieren noch fehlen. Wenn wir Kinder beobachten, die während eines Wutausbruches um sich schlagen, können wir beim genauen Hinsehen erkennen, wie traurig, verwirrt, frustriert und auch einsam sie sich gerade mit ihrem Verhalten und ihren Gefühlen fühlen. In solchen Momenten brauchen sie dringend das Gefühl zu wissen, dass jemand für sie da ist, dass sie okay sind, so wie sie sind und dass anderen wehtun keine Lösung ist und absolut nicht akzeptiert wird (= Du bist okay, so wie du bist, dein Verhalten gerade aber nicht.).

Mein Kind zeigt absichtlich feindseliges Verhalten

Zeigt dein Kind aggressives Verhalten, um absichtlich jemand anderem zu schaden, könntest du versuchen herauszufinden, ob eure Bindung zueinander in letzter Zeit gelitten hat oder ob es andere Gründe gibt, weshalb dein Kind sich unausgeglichen, schwach oder gar wertlos fühlt. Ein Kind, das wiederholt absichtlich anderen weh tun möchte, ist ein Kind, das versucht, mit den eigenen Handlungen laut zu sagen: Ich weiß nicht, was mit mir ist, aber mir geht es nicht gut. Kannst du mir helfen?

Hier kann nur individuell betrachtet werden, dass Eltern auf Augenhöhe gehen sollten. Wie nimmt mein Kind gerade die Welt wahr? Welche Gedanken gehen ihm oder ihr durch den Kopf? Welche Gefühle hat er oder sie und warum? Schau mit einer Lupe nach Feinheiten, wo sich etwas in letzter Zeit geändert haben könnte, dass dein Kind sich gerade so fühlt oder verhält, wie es das tut. Tue das Gleiche bei dir auch. Wie nimmst du gerade die Welt und deine Familie wahr? Welche Gedanken hast du zurzeit vermehrt? Welche Gefühle dominieren gerade bei dir und warum? Es kann sein, dass es eine Schnittstelle gibt, die sich lohnt, genauer anzuschauen! Denn Kinder können spüren, wenn bei den Eltern auch etwas los ist. 

Quellen:
Brody, G. H. (1998). Sibling relationship quality: Its causes and consequences. Annual review of psychology, 49, 1.
Juul, J. (2013). Aggression: warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist. S. Fischer Verlag.