Mindful Parenting, wie funktioniert das?

Habt ihr euch auch schon einmal gefragt, was eure elterlichen Qualitäten so herausfordern könnte? Ein wirklich großer Faktor, der einen negativen Einfluss auf die Eltern-Kind-Beziehung hat, ist … dreimal dürft ihr raten: Genau, elterlicher Stress! Sind Eltern gestresst, fällt es ihnen schwerer, eigene Emotionen zu regulieren und feinfühlig auf die Bedürfnisse ihrer Kinder einzugehen. Nun können wir den Stress nicht aus dem Leben verbannen, denn ihn zu vermeiden, ist oft einfach unmöglich. Was wir aber tun können, ist eine Möglichkeit zu finden, die uns erlaubt, auf die eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu achten, um offener für die Bedürfnisse und Grenzen unserer Kinder zu sein. Hier kommt Mindful Parenting ins Spiel, was übersetzt so viel heißt wie Achtsamkeit in der Eltern-Kind-Beziehung: eine Strategie, um die Selbstregulation und Feinfühligkeit von Eltern zu verbessern.

Wie können Eltern eine achtsame Erziehung praktizieren? 

Achtsamkeit bedeutet kurz gesagt, die Aufmerksamkeit bewusst auf das Hier und Jetzt zu lenken, also auf dein Kind und dich, ohne permanent das Gesamtgeschehen zu bewerten. 

Die bedeutendsten Vorteile von Mindful Parenting sind weniger automatisierte Reaktionen im elterlichen Verhalten (= das wollte ich eigentlich gar nicht sagen/machen) und ein besseres Gespür sowie Verständnis für dich selbst und dein Kind.

1. Unterstützend zuhören

In der Psychologie nennen wir das auch: aktives Zuhören. Hierbei soll dem Gegenüber möglichst das Gefühl vermittelt werden, dass es Gedanken und Sorgen frei äußern darf. Eltern können mit ihren Kindern üben, wertfreier, authentischer und aufmerksamer zu reagieren. Das kann so aussehen: 

- nachfragen: Habe ich das richtig verstanden, dass ihr euch heute im Kindergarten ausgesucht habt, was ihr basteln möchtet und du deswegen einen Papierstern mit nach Hause gebracht hast?

- Gefühle spiegeln: Du warst heute Morgen sehr traurig, dass du in den Kindergarten musstest, weil du so gerne noch weiter mit mir zu Hause gespielt hättest.

- Gehörtes kurz zusammenfassen: Ah, deine Freundin wollte unbedingt auch mit der Eisenbahn spielen und deshalb habt ihr dann gemeinsam den ganzen Nachmittag verbracht.

- weiterführende offene Fragen: Ach so, ihr habt Suppe gegessen. Was hast du dann nach dem Mittagessen im Kindergarten gemacht?

- das Kind bei Lösungsfindungen mit einbeziehen: Das hat dich traurig gemacht. Was könntest du tun, damit es dir besser geht? Was kann ich tun, damit es dir besser geht?

  1. Dich selbst und dein Kind wertungsfrei akzeptieren

Wir neigen ganz oft dazu, unsere Erfahrungen zu bewerten, was zu einer Verzerrung der Realität führen kann. Ein wütendes Kind wird dann zum Beispiel als etwas Negatives oder auch Schlechtes bewertet. 

Achtsame Eltern reagieren oft weniger abweisend auf emotionale Zustände (sowohl bei sich als auch beim Kind), weil sie diese nicht bewerten, sondern beobachten und erkunden. Bei weniger achtsamen Eltern übernehmen die eigenen Gefühle, die sie negativ bewerten, die Kontrolle und sie handeln nach diesen intensiven, oft auch unbewussten Gefühlen und nicht danach, wie sie es gerne bewusst getan hätten. 

Ein Kind, das Kind sein darf ohne Bewertung, ist einfach nur ein Kind, das gerade ein Gefühl verspürt, was wir in unserer Gesellschaft auch als Wut bezeichnen. Wie drückt sich die Wut gerade aus? Was steckt hinter der Wut? So können Eltern lernen, ihre eigenen Gedanken und Gefühle zu beobachten und zu benennen, ohne direkt automatisch darauf reagieren zu müssen. 

  1. Ein emotionales Bewusstsein für dich und dein Kind entwickeln 

Beim emotionalen Bewusstsein geht es vor allem darum, dich selbst besser kennenzulernen, Stimmungen erkennen und reflektieren zu können (um bessere Entscheidungen zu treffen), Grenzen zu setzen und zu respektieren (um sich und andere schützen zu lernen) und die Emotionen anderer besser zu verstehen (um besser darauf eingehen zu können). Hier spielt die Bewertung also keine Rolle. Etwas ist nicht direkt gut oder schlecht, sondern wir wollen schauen, was gerade im Moment da ist. Wer noch Schwierigkeiten damit hat, kann im Alltag gerne mal versuchen, sich folgende Fragen zu stellen und das ein bisschen zu üben:

- Was für ein Gefühl spüre ich gerade? 

- Wie drückt es sich aus?

- Welche Reaktion erzeugt das Gefühl in mir?

- Welche Emotion steckt dahinter?

- Welche weiteren Emotionen schwingen mit?

  1. Selbstregulation üben

Ja, nicht nur Kinder haben Schwierigkeiten dabei. Emotionen, die unterdrückt werden, können nicht angemessen verarbeitet werden. Stell dir vor, du hast einen Ball, den du im Meer verschwinden lassen willst, weil du ihn einfach nicht mehr sehen kannst. Jedes Mal, wenn du versuchst, den Ball unter das Wasser zu drücken, taucht er wieder an der Oberfläche auf. Desto doller du versuchst ihn runter zu drücken, desto stärker springt er wieder hoch. Der Ball könnte dich sogar treffen, wenn er aus dem Wasser geschossen kommt und dich aus dem Gleichgewicht bringen. Der Ball symbolisiert deine Gefühle! 

Versuche, stattdessen kritische Situationen im Alltag zu identifizieren und einen konkreten Handlungsplan auszuarbeiten, wie du in der Situation reagieren möchtest. Setze dich mit deinem Ball in Ruhe hin und überlege, wie du die Luft rauslassen kannst und versuche das Ventil zu finden.

  1. Mitgefühl für dein Kind und dich aufbauen

Sind sich Eltern den zugrunde liegenden Emotionen ihrer Kinder bewusst, können sie eher ein emphatisches Verständnis für das, was ihr Kind gerade erlebt, aufbauen. Mitgefühl für dich und dein Kind zu haben, ist ganz wichtig, um zu verstehen, dass Schwierigkeiten und Herausforderungen, die du oder dein Kind erleben, auch Teil einer allgemeinen menschlichen Erfahrung sind. Das bedeutet, dass Krisen auch ruhig weniger mit einer strengen negativen oder kritischen Haltung begegnet werden können, sondern auch Verständnis (= ich verstehe, dass dich das gerade echt wütend macht), Vergebung (= es ist okay wütend zu sein) und echtes Einfühlungsvermögen (= auf dich rennen gerade bestimmt ganz große Gefühle ein, wie kann ich dir helfen) gegenüber dir selbst und andere einen Raum haben dürfen. 

Es hat sich in vielen theoretischen und empirischen Untersuchungen gezeigt, dass Mindful Parenting einen positiven Einfluss auf die psychische Gesundheit von Eltern und auch Kindern hat. Übrigens ist hierbei, wie bei der bedürfnisorientierten Erziehung auch nicht gemeint, dass es keine Grenzen und Regeln gibt. Beide Formen appellieren nur, dass diese immer mit dem Hintergrund festgelegt werden sollten, dass das Kind verdient hat, als das Wesen, das es ist, akzeptiert zu werden. 

Quellen:

Bröning, S., & Brandt, M. (2022). „Mindful Parenting “–Achtsamkeit in der Eltern-Kind-Beziehung. Zeitschrift für Kinder-und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie.
Lippold, M. A., McDaniel, B. T., & Jensen, T. M. (2022). Mindful Parenting and Parent Technology Use: Examining the Intersections and Outlining Future Research Directions. Social Sciences, 11(2), 43.