Screen Time - wie funktioniert Medienerziehung?

Während unsere Großeltern sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen konnten, dass die Augen ihrer Enkelkinder irgendwann mal am Fernseher kleben und die Jüngsten sich besser mit Smartphones und iPads auskennen werden als sie selbst, klingen diese Szenarien wie der ganz normale Alltag für die meisten von uns. Auch ich habe mich an das Thema „digitale Medien & Kinder” voran getastet. Das langsame Herantasten geriet hier und da auch mal außer Kontrolle, vor allem wenn ein Familienmitglied krank war oder der ganz normale Wahnsinn mich eingeholt und auch ganz ehrlich überfordert hat. Aus ein paar Minuten „das wird schon nicht schaden” wurden ein paar Stunden und „hoffentlich schadet das nicht zu sehr”. 

Wie viel Medienkonsum ist für welches Alter vorgesehen?

Um eine Orientierung zu bieten, hat die American Academy of Pediatrics Richtlinien entworfen, die sich nach Alter und Bildschirmzeit richtet. Laut den AAP ist Folgendes vorgesehen:


0-18 Monate: 

  • keine Bildschirmzeit
  • außer Videochats z.B. mit der Familie

18 Monate - 2 Jahre: 

  • es ist in Ordnung, kleine Kinder an qualitativ hochwertige Kindermedien heranzuführen, wenn diese gemeinsam verstanden und besprochen werden
  • trotzdem sollten kreative und physisch reale Interaktionen, Aktivitäten und Spielmöglichkeiten immer bevorzugt werden

2 bis 5 Jahre: 

  • Bildschirmnutzung könnte aus 1 Stunde pro Tag unter der Woche und etwas mehr am Wochenende mit hochwertigen, für Kinder konzipierten Programmen bestehen
  • hilf deinem Kind zu verstehen, was es sieht und wie diese Dinge in der Welt angewendet werden können
  • Lieblingsfiguren aus Serien können kreatives Spielen in der realen Welt anregen

6 Jahre und älter: 

  • Empfehlung: Fokus vor allem auf Aktivitäten (Gewohnheiten und Hobbys) legen, die keine Bildschirme involvieren
  • Bildschirmzeit an Wochentagen mehr eingeschränken, als an Wochenenden
  • klare Regeln und Limits kommunizieren und durchsetzen!
  • mit dem Alter kannst du deinem Kind natürlich auch mehr Freiheiten geben bezüglich eigener Entscheidungen hinsichtlich der Bildschirmzeit

Allgemein wird empfohlen Bildschirmzeit weder als Beruhigungsmittel noch als Babysitter Ersatz oder um Wutausbrüche zu stoppen, zu verwenden. Auch der passive Konsum (immer etwas im Hintergrund laufen lassen) ist nicht zu empfehlen. Empfohlen wird ebenso 30-60 Minuten vor dem Schlafengehen keine Bildschirmzeit laufen zu lassen, wobei ich persönlich 2-3h vor der Bettzeit schon alles ausschalte, da es sich sonst negativ auf das Schlafverhalten ausgewirkt hat. Während es total okay ist, Kinder langsam an Medien heranzuführen und ihnen den Umgang damit beizubringen, versuche ich trotzdem niemals zu vergessen, dass mein Kind am meisten von der realen Welt lernen und profitieren kann. Von der Welt, wo es selbst mit allen Sinnen entdecken, erkunden und erforschen darf.

Die Schattenseiten der Mediennutzung für Kinder

Die meisten Eltern fühlen sich vor allem bei der Konfrontation mit exzessiven Medienkonsum oder unangemessenen Inhalten überfordert. Auch ich kenne den Teufelskreis zu gut, wenn mein Kind nur noch die Lieblingsserie möchte oder etwas total unterhaltsam findet, wo ich den edukativen Mehrwert stark bezweifle. Ein paar Mal erlaubt, und ich weiß selbst nicht mehr, wie ich da wieder rauskomme. Sobald ich inkonsistent bin, merke ich, dass nicht ich den Medienkonsum kontrolliere, sondern dieser uns. Und da wieder raus zu kommen ist nicht so einfach. Warum es sich trotzdem lohnt, darüber nachzudenken, sind mögliche negative Auswirkungen von langer Bildschirmzeit auf den Schlaf, Theory of Mind/Sozialisation (die Fähigkeit, Motive und Gefühle anderer zu verstehen), den Körper, die Vorstellungskraft/Fantasie und die Stimmung. 

Die Schattenseiten der Mediennutzung möchte ich nicht vor Augen halten, um anderen Angst zu machen oder etwa, weil ich die Nutzung ablehne. Mir geht es vielmehr darum, einen bewussten Umgang mit digitalen Medien anzuregen. Das bedeutet, dass nichts unnötig im Hintergrund an sein muss und generell auch nicht öfter als müsste, aber natürlich greife ich auch mal zu meinem iPad und drücke es meiner Tochter in die Hand. Sind wir mal ehrlich: Heutzutage stehen Mütter und Väter vor so vielen Herausforderungen wie noch nie! Und manchmal geht es einfach nur ums Überleben. Die Idee hinter diesem Artikel ist einfach nur die Frage zu behandeln, was ich tun kann, wenn die Bildschirmzeit außer Kontrolle gerät. Wenn die Nachteile überhand nehmen (muss es natürlich nicht, da jedes Kind anders ist), kann ich ein „Screen Time Detox” wirklich sehr empfehlen. Anzeichen dafür sind:

  • Machtkämpfe, dein Kind regt sich jedes Mal unverhältnismäßig stark auf, wenn das digitale Gerät ausgeschaltet wird
  • dein Kind braucht digitale Medien, um sich unterhalten zu fühlen, ohne ist es schlecht gelaunt
  • dein Kind interessiert sich nicht mehr für andere Spiele oder Aktivitäten
  • das Schlafverhalten deines Kindes ist beeinträchtigt

Welche Art von Serien sind zu empfehlen?

Ich habe einmal auf Instagram einen Beitrag zu der Serie “Cocomelon” geteilt, da sich anhand dieser Serie wirklich einiges anschaulich erklären lässt. Die Industrie hinter Kinderspielzeug und Kinderserien ist riesig, das müssen wir uns bewusst machen. Entwickler:innen dieser Produkte haben ein großes Interesse daran, (Klein-)Kinder so lange wie möglich an sich zu binden, sodass sie möglichst viel konsumieren.

Ist euch vielleicht mal aufgefallen, wie überfordernd bunt und laut manche Serien sind mit vielen Szenenwechsel? Eure Kinder schauen wie gebannt, schon fast hypnotisierend auf den Bildschirm und sie erinnern euch an kleine Mini-Zombies. Das passiert meistens bei Serien, die schnelle Szenenwechsel haben (alle 3 Sekunden eine neue Szene) und wo die Farben sehr stark hochgezogen sind. All diese Faktoren binden Kinder an den Bildschirm und verfolgen dasselbe Ziel: Möglichst lange die Aufmerksamkeit des Kindes am Bildschirm halten. So, als ich das alles erkannt habe, stellte ich mir nun die Frage: Welche Serien gibt es dann?

Ich habe euch mal eine kleine Liste gemacht, worauf ich achte, wenn ich meinem Kind eine Serie zeige:

  • gedämpfte Farben 
  • langsame Szenenwechsel (eine Szene geht länger als 5-10 Sekunden)
  • alltagsnahe Handlungen
  • keine Rettungsaktionen (Probleme und Rettungsaktionen wie z.B. bei Paw Patrol können das (Klein-)Kind innerlich stressen, da sie die Verknüpfung zwischen dem Problem und der Rettungsmission noch nicht erstellen können
  • kein negatives Verhalten, das Nachahmung fördern kann (das meistens von den “Bösewichten” der Serie dargestellt und mit einer Moral am Ende der Folge aufgeklärt wird. Das Problem hierbei ist, dass auch hier die Verknüpfung nicht immer erstellt werden kann und Kinder schnell nur das negative Verhalten kopieren. Sobald ich merke, dass mein Kind negatives Verhalten aus einer Serie kopiert, wechsele ich sie)

Mit diesen Serien habe ich gute Erfahrungen gemacht, sie haben ein langsames Tempo, sind weniger stimulierend und behandeln sanfte Themen:

  • Mü-Mo (Netflix)
  • Puffin Rock (Netflix)
  • Weißt du eigentlich wie lieb ich dich hab? (Kika)
  • Kekse für die Maus im Haus (Amazon Prime)
  • Lama Lama (Netflix)

Es gibt noch eine weitere Handvoll tolle Serien, die empfohlen werden, da hab ich aber noch nicht geschaut, da wir noch relativ frisch im Screentime-Detox sind.

Was bedeutet Medienerziehung?
Wir leben in einem Zeitalter, wo der Verzicht auf digitale Medien nahezu unmöglich ist, gleichzeitig haben wir als Eltern eine unheimlich große Verantwortung den Konsum unserer Kinder richtig einzuschätzen. Hier einige Tipps, wie ich gelernt habe den Umgang mit der Bildschirmzeit bei meinem Kind anzugehen:

  1. Das Setzen von Regeln und die Überwachung bezüglich Inhalten und Dauer der Mediennutzung
    Diese Form von Kontrolle ist sehr wichtig, um die negativen Auswirkungen des Medienkonsums so gering wie möglich zu halten. Desto älter dein Kind ist, desto mehr Freiheiten sind möglich. Insbesondere bei jüngeren Kindern ist eine strenge Überwachung sehr zu empfehlen (aber auch hier kann ich mich immer nur wiederholen: Sei nicht zu streng mit dir selbst, wenn es manchmal nicht so läuft, wie du dir das vorgestellt hast!).
  1. Angebote zur Reflexion von Medienerfahrungen machen
    Der gemeinsame Austausch kann deinem Kind helfen, das Gesehene zu verstehen und im wirklichen Leben anzuwenden. Dein Kind lernt am meisten durch die Interaktionen mit dir. Das könnt ihr super auch mit Bildschirmzeit verbinden. Dein Kind schaut TV und es sind Pferde zu sehen? Sprich gerne darüber: „Erinnerst du dich noch bei Oma gibt es auch Pferde, die haben wir letztens beobachtet!”. Lernen ist mit dem Gefühl verbunden, geliebt und unterstützt zu werden, während gemeinsam die Welt entdeckt wird.

  2. Gemeinsame Mediennutzung
    Ich habe nichts gegen einen gemütlichen Filmabend, wenn alle aktiv einen Film schauen. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle sehr empfehlen, die Geräte wirklich auszuschalten, wenn sie nicht aktiv benutzt werden. Für mich muss auch kein Fernseher an sein, wenn wir gerade essen oder spielen. Ganz nach dem Motto: So viel wie nötig und so wenig wie möglich!

    Tipps für die Bildschirmzeit
    Bildschirmzeit ist in unserem Zeitalter präsenter denn je und wird erstmal auch nirgendwohin verschwinden. Wir können aber das Positive daraus ziehen und den angemessenen Umgang vorleben und unseren Kindern beibringen. Die American Academy of Child & Adolescent Psychiatry rät:
  • Stelle sicher, dass das geschaute Programm altersgerecht ist
  • Besprich mit deinem Kind, was ihr da gemeinsam seht
  • Weise auf wichtige Verhaltensweisen oder Werte hin wie Zusammenarbeit, Freundschaft, auf andere Rücksicht nehmen etc.
  • Ermutige weiterhin dein Kind anderen Aktivitäten nachzugehen, die nichts mit Bildschirmen zutun hat
  • Sei selbst das Vorbild, das du dir für dein Kind wünschst im Umgang mit Medien
  • Achte konsequent auf bildschirmfreie Zeit wie beispielsweise beim Essen

Ein positiver und gesunder Umgang mit den unterschiedlichen Medien ist wichtig und insbesondere durch die angemessene Anleitung und konsequentem Verhalten von uns Eltern möglich. Letztendlich muss jedoch jede Familie für sich entscheiden, wie diese mit Medien im Alltag umgehen möchte und wie sie die möglichen Vor- und Nachteile bewertet. Was für eine Familie super funktioniert, muss auch nicht das Richtige für die andere sein. Wir haben auch unseren ganz individuellen Weg gefunden.

Kamin, A. M., & Meister, D. M. (2020). Familie und Medien. Handbuch Familie: Gesellschaft, Familienbeziehungen und differentielle Felder, 1-19.
​​Lissak, Gadi (2018). Adverse physiological and psychological effects of screen time on children and adolescents: Literature review and case study. Environmental Research, 164(), 149–157.        
Pfetsch, J. (2018). Jugendliche Nutzung digitaler Medien und elterliche Medienerziehung – Ein Forschungsüberblick. Praxis Der Kinderpsychologie Und Kinderpsychiatrie, 67(2), 110–133.