Selbstständigkeit bei Kindern, wie wichtig ist das wirklich?

Der Wunsch aller Eltern ist doch, dass ihre Kinder zu unabhängigen Individuen heranwachsen, die sich selbst als wertvoll erleben und eine Beziehung zu sich und anderen Menschen aufbauen können. Kinder, die ein hohes Maß an Selbstständigkeit aufweisen, haben mehr Selbstvertrauen und Motivation Herausforderungen anzunehmen. Eine Voraussetzung dabei ist, dass Eltern nach einer intensiven Zeit der Abhängigkeit des Kindes Vertrauen in dessen Entwicklung und Fähigkeiten aufbauen können. Das drückt sich beispielsweise so aus, dass sie ihren Kindern eine Umgebung schaffen, in der sie möglichst viele Freiheiten besitzen, eigene Entscheidungen treffen zu dürfen, wie die Ja-Umgebung.

Die Umgebung ist entscheidend
Während Babys und Kleinkinder mit ihrer Umwelt interagieren, erwerben sie Wissen über sich selbst, die Welt um sie herum und wie diese Dinge in Beziehung stehen. Je mehr Freiraum Kinder besitzen, desto mehr Entscheidungen dürfen sie treffen, was wiederum Verantwortung und Disziplin fördert. Wenn dein Kind selbstbestimmt den eigenen Interessen folgen kann und im Spielfluss mit voller Konzentration aufgeht, wird es zu Wiederholungen neigen. Habt ihr auch schon mal beobachtet, wie euer Kind immer und immer wieder die gleiche Handlung probiert hat? Wiederholungen sind besonders zum Erwerb neuer Fähigkeiten wichtig und Fähigkeiten wiederum fördern Selbstständigkeit. Deshalb solltet ihr euer konzentriertes Kind möglichst nicht unterbrechen. Das Gefühl, nicht nur abhängig zu sein, lässt wiederum Selbstwirksamkeit zu (= „Ich kann etwas bewirken”), was deutlich mit dem Zustand des glücklich und zufrieden Seins verbunden ist.

Welche Situationen fördern Selbstständigkeit?
Ein weiterer wichtiger Punkt bei der Selbstständigkeit ist, dass das Kind diese nur dann aufbauen kann, wenn es ein Urvertrauen besitzt und sich sicher ist, dass es bedingungslos geliebt wird und die Liebe der Bezugspersonen nicht an eine Leistung geknüpft ist. Hier sind ein paar Tipps, wie ihr Selbstständigkeit beim Kind in euren Alltag integrieren könnt:

1. Möglichkeiten der eigenen Fantasie freien Lauf zu lassen
Besonders im freien Spielen, wo möglichst wenig Impulse von außen gegeben werden und allein die Umgebung, in der sich dein Kind befindet, zum Entdecken und Spielen anregt, kann die Fantasie wachsen.

2. Bereiche, in denen sie selbstbestimmt erforschen dürfen
Wenn Kindern Erkundungsmöglichkeiten und Herausforderungen gegeben werden, die sie meistern können, wird durchs selbstständige Ausprobieren der Lernprozesse angeregt. Lass dein Kind ruhig die eigenen Erfahrungen machen, auch wenn es nicht alles immer „richtig” macht!

3. Möglichst oft eine freie Wahl überlassen (=Freiraum geben)

Ein gewisser Freiraum erlaubt Kindern zu spüren, dass wir Vertrauen in ihre Fähigkeiten haben. Ganz nach dem Prinzip „Hilf mir, es selbst zu tun!" Ist es die Aufgabe von Eltern, ihre Kinder zu begleiten, aber nicht das Leben für sie zu übernehmen, wie sollen sie sonst lernen, wie das Leben funktioniert?

4. In alltägliche Projekte einbeziehen
Kinder lieben es, integriert zu werden, wie das Kochen oder sogar Aufräumen. Allerdings sollte es je nach Alter spielerisch umgesetzt werden und der Fokus vor allem bei jüngeren Kindern nicht beim Ergebnis, sondern der gemeinsam verbrachten Zeit sein. Auch Verantwortung übertragen tut gut! Nimm deinem Kind nichts ab, was es bereits kann. Es mag anfangs noch zu langsam oder zu ungenau sein, aber nur mit Übung kann dein Kind die Fähigkeit beherrschen lernen!

5. Anregungen, sich frei auszudrücken
Dein Kind möchte dir etwas erzählen oder hat einen Vorschlag? Höre aktiv zu! Nimm es ernst, stelle Rückfragen oder besprich, wie ihr diese Vorstellungen gemeinsam umsetzen könnt. Lass dein Kind auch ruhig selbst Entscheidungen treffen, zum Beispiel was es heute anziehen möchte.

6. Selbstständigkeit bei Konflikten begleiten
Wenn keine Gefahr zur Verletzung besteht, sollte dein Kind bei der selbstständigen Konfliktlösung begleitet werden, um eigene Lösungswege zu finden. Ist die Sicherheit bedroht, muss diese erst mal sofort wiederhergestellt werden.

7. Erfolgserlebnisse schaffen Selbstständigkeit
Diese werden nur dann auf die eigene Kraft zurückgeführt, wenn Eltern ihrem Kind das Gefühl „Das hab ich selbst geschafft” oder “Das hab ich mir alleine beigebracht” vermitteln können. Das braucht natürlich viel Zeit, Geduld und einen Raum für Fehler, Wut oder Frustration. Selten klappt etwas direkt beim ersten Mal, Misserfolge gehören zum Leben dazu, das ist alles völlig normal und okay!

8. Nicht die eigene Angst übertragen

Eltern, die ihren Kindern bewusst oder unbewusst ständig Verantwortung abnehmen oder immer entmutigen, dass sie etwas noch nicht können und wenig bis gar kein Vertrauen in die Fähigkeiten ihres Kindes haben, vermitteln die Botschaft: „Das kannst du nicht, das schaffst du nur mit Hilfe.” Solche Kinder neigen dann oft dazu, die Furcht ihrer Eltern zu übertragen. Sie haben dann nicht wirklich Angst, auf das Klettergerüst zu gehen, aber wenn die Bezugsperson so ängstlich schaut, spürt es diese plötzlich auch und möchte nicht mehr allein auf das Gerüst.

Wie ihr seht, ist Selbstständigkeit ein Prozess, der sowohl vom Kind selbst beeinflusst wird, von der Umgebung, wie viel diese anbietet und auch von den Eltern sowie die Bindung zueinander und wie sehr diese auf die Fähigkeiten und das Potential des Kindes vertrauen können.

Quellen:

Bowlby, J. (1955). (b) The Growth of Independence in the Young Child. Journal (Royal Society of Health), 76(9), 587-591.

Cerino, A. (2021). The importance of recognising and promoting independence in young children: the role of the environment and the Danish forest school approach. Education 3-13, 1-10.