Sprachentwicklung – wie können wir unser Kind unterstützen?

Die Sprachentwicklung von Kindern beschäftigt viele Eltern, da sie meiner Erfahrung nach immer wieder mit klassischen Fragen wie „Dein Kind spricht noch nicht? Sollte das nicht mal langsam kontrolliert werden?“ oder Aussagen wie zum Beispiel „Ich verstehe dein Kind ja kaum. Mein Kind spricht schon seit X-Monaten ohne Probleme.“ konfrontiert werden. In meiner Arbeit verunsichert dies Eltern und sie fragen sich, was ihr Kind schon können müsste oder was sie tun können, um die Sprachentwicklung ihres Nachwuchses zu unterstützen. Jedes Kind und jede Entwicklung ist individuell. Euer Kind spricht vielleicht schon mit 4 Jahren ein „sch“, dafür aber unter Umständen noch kein „ch“ und das ist dann gar kein Problem. Eine Abklärung über mögliche Ursachen wie eine Hörstörung oder eine allgemeine Entwicklungsstörungen, ist manchmal sinnvoll, wenn ihr  Abweichungen feststellt. 

Wann müssen wir uns Gedanken machen?

Für die unterschiedlichen Bereiche (Wortschatz, Lautentwicklung, Grammatik) gibt es verschiedene Empfehlungen, an denen ihr euch orientieren könnt, um abzuwägen, ob Logopädie sinnvoll sein könnte. Generell gilt aber, dass ihr stets eurem Gefühl folgen dürft, wenn ihr den Eindruck habt, die Sprachentwicklung eures Kindes sollte unterstützt werden. 

Im Bereich Wortschatz ist zu sagen, dass ein Kind mit 2 Jahren ca. 50 Wörter sprechen sollte. Dabei ist egal, ob es sich um Nomen, Verben oder Adjektive handelt. Auch Tiergeräusche, die das Kind als Ersatz für den richtigen Namen benutzt, zählen dazu. Es ist auch nicht relevant, ob die Wörter korrekt ausgesprochen werden. Nach dem 2. Geburtstag gibt es dann den sogenannten Wortschatzspurt, nach dem die Kinder ungefähr 500 Wörter sprechen können. Sollte ein Kind dies zunächst nicht erreichen, mit dem 3. Geburtstag aber aufgeholt haben, gehört es zu den „Late Bloomern“. Sollten aber immer noch deutlich weniger als 500 Wörter vorhanden sein, spricht man von „Late Talkern“ und eine Unterstützung durch die Logopädie ist sinnvoll. Teilweise ist es auch gut, bereits mit 2 1⁄2 Jahren zu beginnen. 

In Hinblick auf die Lautentwicklung geht man davon aus, dass ein Kind 6 Monate Zeit hat, um einen Laut nach dem eigentlichen Erwerb artikulieren zu können. Danach ist eine logopädische Therapie empfehlenswert. Wie ihr sehen könnt, sollte der Grammatikerwerb mit dem Ende des sechsten Lebensjahres abgeschlossen sein. Meiner Erfahrung nach ist es vollkommen in Ordnung, wenn Kinder erst mit dem Schuleintritt den Akkusativ, Dativ und Genitiv beherrschen bzw. diese dort erst erlernen. Die Verbzweitstellung (also „Ich gehe in den Kindergarten.“ anstatt „Ich Kindergarten gehen.“) sollte mit ca. 3,5 Jahren erreicht werden. 

Steht für euer Kind ein

Nun kommt ihr vielleicht an den Punkt, an dem ihr euer Kind gerne in eine logopädischen Praxis bringen würdet. Hierfür benötigt ihr eine Verordnung von eurem Kinderarzt oder eurer Kinderärztin oder einem/r Kinder- und Jugendpsycholog:in. Manchmal kann es vorkommen, dass ihr diese Verordnung nicht bekommt, weil „sich das schon noch auswächst“, „das Kind zu jung ist“ oder euer Nachwuchs bei der Untersuchung ein wenig unsicher war und kaum gesprochen hat. Hört in diesem Moment auf eure eigene Intuition und wenn diese sagt, dass die Logopädie sinnvoll ist, gebt Beispiele aus dem Alltag, lasst die Bezugserzieher:innen eine kurze Einschätzung schreiben oder vielleicht gibt es ja auch eine/n Logopäd:in in der Kita, der/die einen kurzen Blick auf euer Kind werfen kann und dann eine Empfehlung formuliert. Ich kann euch nur ans Herz legen, für eure Kleinen einzustehen, da Kommunikation uns allen auch eine Tür in die Gesellschaft und Umwelt öffnet.

So förderst du die Sprachentwicklung

Wie könnt ihr aber eure Kinder bereits zu Hause in deren Entwicklung unterstützen? Zunächst ist es immer gut zu hinterfragen, inwiefern Sprache bereits ein fester Teil eures Alltags ist.

1. Sitzen alle beim Essen zusammen am Tisch, unterhalten sich und gehen aber trotzdem auch auf den Nachwuchs ein?

2. Schaut ihr euch gemeinsam Bücher an oder singt/hört Kinderlieder?

Wenn ja, nimmt euer Kind bestimmt viel davon mit, wenn nicht, versucht diese Dinge in euren Alltag zu integrieren und findet heraus, wofür sich euer Kind interessiert. Nicht jedes Kind schaut gerne in ein Buch, manche würden lieber die Blätter daraus zerreißen, weil dieser Teil doch viel spannender ist. Dafür spielt es dann vielleicht eher mit dem Kaufladen oder den Autos. 

3. Das freie Spiel

Schließt euch eurem Kind an und variiert euer Spiel, verwendet verschiedene Stimmen und wechselt euch dabei ab, wer wann das Geschehen leitet. Ich weiß, dass so ein „Freispiel“ nicht immer für einen selbst spaßig ist, aber diese Art Spiel unterstützt die Sprachentwicklung ungemein.

4. Begleitet euren Alltag sprachlich

Auch im Supermarkt lässt sich der Wortschatz wunderbar erweitern, da ihr hier oft die gleiche Satzstruktur verwenden könnt und somit ein bestimmtes Wort oder Wortgruppe in den Vordergrund stellt: „Ich lege die Bananen, die Tomaten usw. in den Einkaufswagen/ auf das Kassenband.“ „Eine Melone. Schau mal, wie groß die ist. Die Weintraube ist ganz klein.“ Diese Idee lässt sich auf verschiedene alltägliche Situationen übertragen. Wechselt ihr eurem Kind die Kleidung bietet sich an „Wir ziehen die Socken, die Hose, den Pullover etc. aus.“ „Wir ziehen die Mütze, die Jacke, die Schuhe an.“ Generell lässt sich sagen, dass kurze und klare Aussagen am besten von kleinen Kindern aufgenommen werden können. Passt euch hier an das Niveau eures Kindes an. Spricht es mit 3 Jahren selbst schon in verschachtelten Sätzen, könnt ihr das natürlich auch machen. 

5. Korrektives Feedback

Sollte euer Kind etwas anders aussprechen oder beispielsweise ein Wort auslassen, könnt ihr Gebrauch vom korrektiven Feedback machen. Sagt es zum Beispiel: „Guck mal, eine Tatze.“ könnt ihr erwidern: „Ja genau, eine Katze.“ anstatt „Nein, das heißt Katze.“ Ihr könnt die Aussagen auch erweitern durch „Ja genau, die Katze läuft über die Straße.“ Ich weiß auch, dass wir u.U. dazu neigen, die Kinder aufzufordern, etwas zu sagen („Sag doch mal...“, „Wie heißt das?“). Dies kann für Kinder frustrierend sein und sehr viel Druck erzeugen, vor allem wenn sie wissen, dass sie ein Wort nicht kennen oder es noch nicht richtig aussprechen können.

Die Sprachentwicklung eures Kindes kann also sehr unterschiedlich aussehen, aber von euch als Eltern immer wieder im Alltag unterstützt werden. Und wenn es doch dazu kommen sollte, dass eine logopädische Therapie notwendig wird, ist das lediglich eine Unterstützung für euch und euer Kind, die ganz bestimmt viel Spaß machen wird.

Quellen:
Weinrich, M. & Zehner, H. (2011). Phonetische und phonologische Störungen bei Kindern. Springer, Berlin Heidelberg.
Szagun, G. (2019). Sprachentwicklung beim Kind. Beltz Verlag, Weinheim und Basel.
Wendlandt, W. (2017). Forum Logopädie: Sprachstörungen im Kindesalter. Thieme Verlag, Stuttgart.
©Miriam Hille (Logopädin)