Von der Nein-Umgebung zur Ja-Umgebung

„Nein, lass das”, „Geh da nicht ran”! Wie häufig Kleinkinder das wohl hören am Tag? Mir ist aufgefallen, dass „Nein” und „Nicht” generell sehr unbeliebt in den Ohren von Kindern sind. Zusätzlich können sie auch an Bedeutung und Ernsthaftigkeit verlieren, wenn diese 1000 Mal am Tag erwähnt werden. Deshalb habe ich mich mit der Ja-Umgebung auseinander gesetzt. Ich bin zugegeben auch generell ein größerer Fan von positiven Konnotationen als negativen. Ich habe für mich einfach gemerkt, dass meine Tochter das ebenfalls besser versteht. Außerdem bekommen vor allem Kleinkinder bereits genug mit, wie eingeschränkt und abhängig sie sind. Das kann sich verständlicherweise sehr frustrierend für sie anfühlen. In einer Ja-Umgebung wird Kindern die Möglichkeit gegeben, sich frei zu bewegen, ohne ständig auf eine erwachsene Person angewiesen zu sein. Mit der Ja-Umgebung können Kinder sich also selbstbestimmt und autonom fühlen.

Wofür die Ja-Umgebung?

Verschiedene Pädagog:innen sind sich einig, dass Menschen mit einem inneren Antrieb lernen zu wollen auf die Welt kommen. Dieser natürliche Antrieb unterstützt sie beim Erwerb verschiedenster Fähigkeiten. Sie betonen auch, dass wir eine Umgebung kreieren können, die darauf vorbereitet ist, genau diese Interessen und Neugier zu lenken. Geben wir unseren Kindern die Freiheit mit ihrer Umwelt so interagieren zu dürfen, wie sie es selbst wünschen, können sie in einen Flow kommen. Ein Flow ist ein mentaler Zustand der Vertiefung und Konzentration, bei der wir in einer Tätigkeit komplett aufgehen. Dabei fühlt sich die Tätigkeit beglückend an und als würde sie wie von selbst gehen. Bei Kindern kann man das sehr schön beobachten, wenn sie in einen Spielfluss kommen.
Ich gestalte die Umgebung meines Kindes so, dass sie sich möglichst alltäglich frei bewegen kann. Ohne Zwang irgendetwas machen zu müssen, ohne dass hinter jeder Ecke strafende Worte von mir lauern könnten, weil sie da nicht ran darf und auch ohne Druck etwas leisten zu müssen. In diesem von mir vorbereiteten Raum ermutige ich mein Kind auf die eigene Neugier vertrauen zu dürfen. Ich beobachte gerne, wie sie konzentriert ist, in den Spielfluss kommt und so ihre Fähigkeiten entwickelt. Ein konzentriertes Kind sollte übrigens möglichst nicht unterbrochen werden.

In einer Ja-Umgebung soll sich dein Kind also wohl, sicher, geborgen, frei und anerkannt fühlen. Das geht viel einfacher, wenn wir einen Raum schaffen, wo wir „Ja“ sagen dürfen und nicht immer „Nein” sagen müssen. 

Die Ja-Umgebung gestalten

Ich habe im Wohn- und Kinderzimmer Regale stehen, die von der Größe etwa so sind, dass mein Kind problemlos an die Fächer kommt. Ich liebe auch den passenden Korb und das Holz Tablett dazu. So sind die Materialien gut erreichbar, klar strukturiert und sie haben ihren festen Platz. Äußere Ordnung hilft Kindern nämlich eine innere Ordnung für sich zu erschaffen. Für mehr Inspirationen schaut gerne bei unserem Instagram @nestliebe.de vorbei! Die Ja-Umgebung sollte immer entsprechend der Bedürfnisse und dem Entwicklungsstand deines Kindes angepasst sein. Hier sind weitere Tipps:

  1. Freiheiten
    In einer Ja-Umgebung hat dein Kind die Möglichkeit sich frei zu bewegen, zu erforschen und zu interagieren, ohne permanent von außen beeinflusst oder gestört zu werden. Bei der Vorbereitung kannst du dich gerne auf die Höhe deines Kindes begeben und schauen, was gefährlich sein könnte. Gibt es genug Möglichkeiten zum Erkunden wie beispielsweise Schubladen oder Regale, wo dein Kind ran darf?

  2. Strukturen und Ordnung
    Ich habe gerne unterschiedliche, pädagogisch wertvolle Spielzeuge bereit, an die meine Tochter jederzeit ran kann. Sie haben alle ihren festen Platz, sodass meine Tochter jederzeit weiß, wo sie die Dinge findet und wo sie dann auch wieder nach Benutzung hingehören. Den Rest verstaue ich in einem Schrank, an dem sie nicht ran kommt. Ich rotiere ab und zu die Spielsachen, da wir einfach zu viele haben. Aber wenn meine Tochter nach etwas Bestimmten fragt, hole ich es ihr auch gerne aus dem Schrank.

  3. Einladend, anregend und natürlich
    Spielzeug oder Aktivitäten, die den Wunsch wecken, sie zu erkunden und sie kennenzulernen sind Teil einer Ja-Umgebung. Ich liebe Spielzeuge, die die unterschiedlichen Sinneswahrnehmungen ansprechen und so das Interesse auf sich ziehen. Wir sammeln auch total gerne Steine, Kastanien oder Stöcke von draußen! Diese werden dann sortiert, gewaschen oder worauf immer mein Kind Lust hat. Grundsätzlich liebe ich alles, was aus natürlichen Materialien ist. 

Wenn die Umgebung nicht den kindlichen Bedürfnissen und dessen Entwicklungsstand angemessen gestaltet ist, ist es mehr von sozialen Interaktionen mit der Bezugsperson abhängig. Auch wenn ich gerne Zeit mit meiner Tochter verbringe, genieße ich auch jede Minute in der sie selbstständig etwas entdeckt, ausprobiert oder spielt! Und sind wir mal ehrlich: Diese ruhigen Minuten können wir alle gebrauchen!

Geduld statt Kontrolle

Was mir von Anfang an sehr wichtig war, aber auch sehr schwer fällt, ist, mein Kind einfach nur zu beobachten und erst einzugreifen, wenn sie wirklich meine Hilfe braucht. Ich versuche mir im Kopf immer zu sagen:

Warten und beobachten!
Mein Kind muss es noch nicht können, aber sie wird es durch die Versuche lernen.

Ich übe mich selbst noch darin, mein Kind mehr zu beobachten und mich weniger einzumischen. Das klappt von Tag zu Tag immer besser! Oft probieren Kinder viel herum und finden dann schon ihren eigenen Weg zur Lösung. In der Ja-Umgebung sind vor allem Aktivitäten, die eine Fehlerkontrolle haben, zum Vorteil. Was bedeutet das? Ein Teller, der auf den Boden fällt und zerbricht, gibt ein eindeutiges Feedback und lässt sich nicht mehr korrigieren. Aktivitäten mit einer Fehlerkontrolle geben deinem Kind die Chance ihre Aktivität selbst zu prüfen, sich eigene Fehler bewusst zu machen und diese selbst korrigieren zu können. Kinder profitieren total davon, wenn sie die Möglichkeit bekommen, mit den eigenen Mitteln und Fähigkeiten herauszufinden, ob sie gerade etwas richtig oder etwas falsch machen, ohne dass direkt eine erwachsene Person übernimmt. „Trial and error” in Kombination mit Wiederholungen ist mit die beste Möglichkeit für Kinder sich neues Wissen anzueignen und autonom zu lernen!

Womit beschäftigen sich Kinder gerne?

Ich bereite eine Auswahl an Aktivitäten und Spielmöglichkeiten vor, die den Entwicklungsbedürfnissen meines Kindes entsprechen. Dazu gehören:

  1. Praktische Aktivitäten:
    Echte und alltägliche Tools, die leicht angepasst (z.B. verkleinert) wurden und lebensnahe Fertigkeiten vermitteln. Kinder ahmen instinktiv die alltägliche Routine nach, die sie um sich herum beobachten. Durch die Möglichkeit, in diesen mitwirken zu dürfen, gewinnen sie an Unabhängigkeit, Selbstvertrauen, Fähigkeiten der Problemlösung und noch vieles mehr! Dementsprechend hilft meine Tochter super gerne beim Kochen mit ihren Utensilien, verbringt auch gerne Zeit mit ihrem Mini-Staubsauger oder an ihrer kleinen Garderobe. 
  1. Sensorische Aktivitäten:
    Über Sinnesmaterialien entdecken Kinder die Welt und lernen die ersten Zusammenhänge zu verstehen. Laut Studien ist das sensorische Lernen die Grundlage für die frühe Gehirnentwicklung. Schon ab der ersten Sekunde nach der Geburt bauen die aufgenommenen Sinneswahrnehmungen die neurologischen Verbindungen auf. Deshalb sind solche Spiele total beliebt bei uns zu Hause! Auf unserem Instagram Kanal @nestliebe.de haben wir auch tolle DIY zu sensorischen Aktivitäten. Du musst diese übrigens nicht immer aufwendig zu Hause vorbereiten (außer du hast Spaß daran). Auxh schön ist es natürlich in der Natur auf einer Wiese den Rasen unter den nackten Füßen zu spüren und im Wald Steine und Stöcker mit unterschiedlichen Oberflächen zu fühlen und zu sammeln.
  1. Aktivitäten zum Verständnis von Sprache und Zahlen
    Kleinkinder lernen so unglaublich schnell. Was ich auch gerne bereit lege zum Entdecken sind Aktivitäten, die spielerisch das Verständnis von Sprache und Zahlen fördern. Das können zum Beispiel Zahlenpuzzle sein, aber auch Bücher fördern die kindliche Sprachförderung. Das sind dann auch eher die Aktivitäten, die wir zusammen machen.

Die vorbereitete Ja-Umgebung hat mir in der Erziehung selbst viele Freiheiten gegeben und letztendlich auch meinen Alltag entlastet. Auch wenn diese das Spielen und Entdecken anregen soll, heißt es natürlich nicht, dass meine Tochter Zuhause machen kann, was sie will. Auch sie kennt und hört ein „Nein“, da es einfach Grenzen, insbesondere zum Schutz gibt. Mit der Ja-Umgebung handelt es sich einfach nur um einen von mir geplanten und geschaffenen Raum, in dem genug Sicherheit ist, dass eine Vielfalt von Aktivitäten frei von meinem Kind erkundet werden können. 

Quellen: 
Astuti, N. L. S., & Sandra, L. (2021, April). Prepared Environment as the Key Success Factor in Building Clean and Healthy Habit in Early Childhood Education. In 2nd International Conference on Technology and Educational Science (ICTES 2020) (pp. 122-127). Atlantis Press.
Jopkiewicz, A., Vardisio, R., & Chiappini, P. (2021). Montessori 2.0: learning environments, gamification and serious games, 85.
Macià-Gual, A., & Domingo-Peñafiel, L. (2021). Demands in Early Childhood Education: Montessori Pedagogy, Prepared Environment, and Teacher Training. International Journal of Research in Education and Science, 7(1), 144-162.
Meisterjahn-Knebel, G. (2018). Montessori-Pädagogik. In Handbuch Bildungsreform und Reformpädagogik. Springer VS, Wiesbaden.