Wie spielt mein Kind selbstständiger?

Warum ist das selbstständige Spielen so wichtig für unsere Kinder? Erstens entlastet es uns Eltern enorm, wenn die Kleinen sich alleine lange beschäftigen können und zweitens lernen sie dadurch unglaublich viel über sich und die Welt. Mein dritter ganz wichtiger Punkt: Im selbstständigen Spielen können wir die Stärken unserer Kinder sehen und unsere Kinder können ihre Stärken ganz ausleben. Habt ihr euer Kind schon mal einfach nur beobachtet? Egal wie alt sie sind, wenn wir lange hinschauen, dann sehen wir ganz deutlich, wie Kinder die unterschiedlichsten Möglichkeiten nutzen, um zu entdecken und zu lernen. Wir können sehen, wie sie sich Problemen stellen und wie sie versuchen eine Lösung zu finden. Selbstständiges Spielen fördert außerdem:

  • Wachstum in die nächste Entwicklungsstufe
  • Entfaltung der Persönlichkeit
  • Autonomieerleben und Selbstwirksamkeit
  • Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten

Zum selbstständigen Spielen gehört neben einer Ja-Umgebung natürlich auch passende Spielmöglichkeiten. Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass niemand irgendetwas kaufen muss, weil es in den eigenen vier Wänden genug zu entdecken gibt. Aber einige Dinge sind einfach nice to have. Ich versuche immer darauf zu achten, dass das Spielzeug langlebig ist, etwas, wo mein Kind gerne immer wieder zurückkehrt und beim Lernen fördert. Unsere Favoriten sind:

  • Bauklötze und alles, was zum Bauen und Konstruieren anregt
  • Puzzles oder jegliches Spielzeug, das eine Form von Problemlösung enthält
  • Figuren, mit denen Rollenspiele und Alltagssituationen nachgespielt werden können. Ganz egal, ob es Richtung Tiere, Autos oder Puppen geht
  • kindgerechte „Erwachsenen Tätigkeit”, wie beispielsweise der Mini Supermarkt oder Arztkoffer zum nachspielen
  • Spielzeug, das Bewegung erfordert, wie unser Bobbycar, Kinderwagen für die Puppe oder auch einfach ein Ball
  • Dinge wie Malzeug sind bei uns nicht immer draußen, aber meine Tochter weiß, dass sie es immer bekommt, wenn sie danach fragt

Mein Kind möchte nicht selbstständig spielen

Ja, mein Kind auch nicht immer. Aber wenn es das tut, gilt das oberste Gebot: Nicht unterbrechen und ruhig im Flow bzw. Spielfluss lassen! Denn ein konzentriertes Kind sollte möglichst niemals gestört werden. Wie helfe ich meinem Kind ins Spielen reinzukommen?

1. Ja-Umgebung schaffen

Damit ist ein sicherer Spielraum gemeint, der über das Kinderzimmer hinausgeht. Mir hat es total geholfen, in jedem Raum in unserem Haus einen kleinen Bereich zu kreieren, an dem meine Tochter sicher und ohne Begrenzungen sich ausleben und entdecken darf. Natürlich haben wir auch klare Regeln in unseren vier Wänden, aber genau wie diese gibt es auch hier und da Bereiche der „Freiheit”. Dort habe ich auch keine Probleme mich zurückzuziehen, da ich weiß, dass mein Kind dort absolut sicher spielen kann. Entferne dich auch ruhig mal etwas vom Geschehen (aber bleib natürlich in der Nähe)!

2. Unterstützung anbieten

Das tue ich, indem ich „anspiele”. Das bedeutet, ich leite ein Spiel ein und gebe ein paar Ideen oder Impulse (spiele eher nebenher) und versuche mich dann langsam zurückzuziehen. Das klappt natürlich mal besser und mal schlechter. Aber ich bin immer wieder überrascht, wie sie das Spielangebot annimmt und dann ganz alleine weiter spielt und in einen Flow kommt. Natürlich biete ich meinem Kind immer an, dass es nach Hilfe fragen kann, wenn es mehr Unterstützung braucht. Doch in erster Linie vertraue ich erstmal darauf, dass meine Tochter altersangemessene Aufgaben mit den eigenen Fähigkeiten bewältigen kann. Insbesondere im Spiel hat Kritik nichts zu suchen und hemmt eher. Spielen sollte immer etwas Lustvolles sein und mit etwas Positivem verbunden werden! 

3. Begleiten, statt übernehmen

Früher saß ich immer auf meinen Händen, damit ich nicht so schnell eingreife, wenn meine Tochter etwas versucht oder nicht schafft. Seit der Geburt meiner Tochter versuche ich mein Kind nach dem Leitsatz „Hilf mir, es selbst zutun!” zu begleiten. Das fällt mir nicht immer so leicht (heute natürlich immer mehr), aber ich habe einfach gemerkt, wie wertvoll es ist, Fehler machen zu dürfen, frustriert sein zu dürfen, Lösungen selbst suchen zu dürfen und selbstständig ans Ziel kommen zu dürfen! Oft meinen es Eltern nicht böse, nehmen ihren Kindern durchs zu schnelle Eingreifen jedoch wichtige Erfolgserlebnisse. 

Übers Spielen das Innenleben deines Kindes sehen

Wenn ich genauer hinschaue, merke ich ganz oft, dass meine Tochter beim Spielen ihre Erfahrungen oder Erinnerungen verarbeitet. Beispielsweise, wenn sie mit Figuren spielt! Kinder erfassen nämlich im Spiel ihr Innenleben. Also alles, was sie gerade so beschäftigt, können sie übers Spielen nach außen tragen. Fragt ihr auch ganz oft „Na, wie geht es dir?” oder „Und, was hast du heute so erlebt?” und bekommt die unspektakulärsten Antworten, die kürzer nicht sein könnten? Falls euer Kind schon sprechen kann, beobachtet es einfach mal beim Spielen, dann wisst ihr ganz schnell, was so im Kopf eures Schatzes gerade so vor sich geht. Vor allem durch Rollenspiele, die du oder dein Kind erfindet, kann die innere Welt zum Ausdruck gebracht werden. So können Gefühle verarbeitet werden (keine Angst, wenn euer Kind auch Wut ausdrückt, das ist ganz normal) oder Strategien oder Lösungen zu Problemen ausprobiert werden (wie bei der Puppe, die ganz traurig ist und eine Kuscheleinheit braucht).

Solange dein Kind noch nicht verbal die eigene Gefühlswelt ausdrücken kann, braucht es das Spielen, um dem eigenen Erleben Ausdruck zu verleihen.

Deshalb ist es so wichtig, dass du dein Kind dabei unterstützt, sich im Spielen frei zu entfalten. Nehmt das Spielen eures Kindes also ernst!

Selbstständiges Spielen fördern

Spielen ist nicht gleich Spielen. Spiele, die nur dafür konstruiert wurden, das Kind zu unterhalten, fördern es in der Regel nur sehr schwach. Am besten eignet sich das Spielen natürlich draußen in der Natur. Dort gibt es einfach so viel zu entdecken! Hier sind weitere Tipps:

  • Verplane die Zeit deines Kindes nicht komplett und lass genug Freiräume fürs Spielen 
  • Lasse auch Langeweile zu, dort entsteht oft Kreativität
  • Nehme das emotionale und soziale Lernen (übers Puppenspiel etc.) genauso ernst wie das kognitive Lernen (Zahlen, Buchstaben …)
  • Vertraue auf die Kompetenzen deines Kindes, indem du es frei entdecken lässt, ohne zu schnell einzugreifen
  • Bewerte nicht zu viel, das nimmt den Druck raus, denn auch ein „toll gemacht” kann möglicherweise Angst machen, beim nächsten Mal zu versagen
  • Unterbrich dein Kind nicht, wenn es konzentriert im Spielfluss ist, das ist die perfekte Zeit für dich, um dich anderen Dingen zu widmen

Jedes Kind spielt anders. Und wenn es zunächst nur 5-10 Minuten sind, ist das völlig okay. Die einen können länger alleine als die anderen, dafür haben die anderen eventuell mehr Fantasie. Aber eins haben alle gemeinsam: Kinder brauchen ganz klar ihren eigenen Raum, der nicht von einer anderen Person bestimmt ist. Das finden sie im Alltag eher seltener, da sie noch abhängig von ihren Eltern sind, was sie übrigens auch immer mehr spüren, weshalb die Frustration in den ersten Jahren deutlich zu nimmt! Im Spielen bekommen sie genau den Raum, den sie brauchen, um sich selbst und die Welt kennenzulernen. Deshalb müsst ihr als Eltern euch auch nicht schlecht fühlen, wenn euer Kind alleine spielt. 

Quellen:
Pohl, G. (2016). Konfliktbewältigung durch freies Spiel. In: Angsthasen, Albträumer und Alltagshelden. Springer Spektrum, Berlin, Heidelberg.
Wustmann Seiler, C., Lannen, P., Duss, I., & Sticca, F. (2021). Mitspielen,(An) Leiten, Unbeteiligt sein? Zusammenhänge kindlicher und elterlicher Playfulness: eine Pilotstudie. Frühe Bildung, 10(3), 161-168.